Zum fünften Mal schon begrüßte Simone Young ein Neues Jahr mit einem
philharmonischen Salut! Ein kleines Jubiläum, das am Silvestermorgen
wieder ein anhängliches Publikum auf die Beine brachte, neugierig auf
das Überraschungspaket der "Generalin". Geschnürt war es nach der
bekannten Regel: Zu Gehör kommt, wer im eingeläuteten Jahr einen runden
Geburts- oder Todestag aufzuweisen hat und musikgeschichtlich zu Buche
schlägt. Wobei man in dem Kulturkreis, dem sie entstammt, nie so
geschmäcklerisch war, die Musen nach ihrer geistigen Tauchtiefe zu
sortieren, sondern nach Art und Maß ihres Kunstgeschicks. Weshalb sie
keine Hemmungen hat, einen k.u.k. Militärkapellmeister und
Ohrwurm-Melodisten wie Emil von Reznicek zusammen mit dem Wiener
Schönberg-Jünger, Zahlenmystiker und Klang-Symbolisten Alban Berg in
die Silvestertüte zu stopfen. Oder den mönchischen Esten Arvo Pärt mit
dem Wiener Ironiker Kurt Schwertsik, der seine Hörer gern auf
rutschiges Tanzparkett lockt.
Die Charakter-Gegensätze prallten also unvermittelt aufeinander.
Härter, schien mir, als an den Jahresenden zuvor - ob der Willkür der
Jubiläumszahlen geschuldet oder den Unbilden der Krisen-Gegenwart. Dass
die Dirigentin eines der schroffsten Stücke des frühen 20.
Jahrhunderts, den "Marsch" aus Alban Bergs Orchesterstücken op. 6, in
ihr Kontrastprogramm aufnahm, zeugt von Mut und List. Mut, weil sie die
Katastrophen-Thematik des Satzes nicht scheute, worin sich die
Erstickungsangst des asthmatischen Komponisten ebenso spiegelt wie die
Furie des Ersten Weltkriegs. Und List, weil sie mit Bergs "Marsch" -
wie auch mit dem "Intermezzo III" aus der Symphonie "Washington
Mosaics" des Finnen Aulis Sallinen - zugleich dem größten Musik-Jubilar
des Jahres 2010 huldigte: Gustav Mahler. Wie das? Weil Berg seinen
expressionistischen "Marsch" in Einzelzügen dem tragischen Finale aus
Mahlers Sechster nachbildete, man denke nur an die alles zermalmenden
Hammerschläge.
Und weil Sallinen im besagten Intermezzo mit dem berühmten Adagietto
aus Mahlers Fünfter liebäugelt. Bekannter als "unendliche Melodie" aus
Viscontis unsterblichem Filmwerk "Tod in Venedig". Die Philharmoniker
folgten der musikalischen Achterbahnfahrt, die sogar einige Pensionäre
wieder heimholte, mit Lust und Laune. Wobei sie nicht versäumten, ihrem
zweifachen Intendanten Rolf Liebermann zum "Hundertsten" zu salutieren:
mit der Ouvertüre zu dessen früher Oper "Leonore 40/45" über eine
deutsch-französische Liebe in widriger Zeit. Fast
sommernachts-traumhaft klang danach die Ouvertüre seines Altersgenossen
Samuel Barber zu dessen Oper "Die Lästerschule".

