Pressestimmen
04.Januar.2010 - Die Welt
Kontrastprogramm mit Mut und List
Simone Young ehrt zum SIlvesterkonzert der Philharmoniker die kommenden Jubilare und seien sie auch noch so unterschiedlich.
Zum fünften Mal schon begrüßte Simone Young ein Neues Jahr mit einem philharmonischen Salut! Ein kleines Jubiläum, das am Silvestermorgen wieder ein anhängliches Publikum auf die Beine brachte, neugierig auf das Überraschungspaket der "Generalin". Geschnürt war es nach der bekannten Regel: Zu Gehör kommt, wer im eingeläuteten Jahr einen runden Geburts- oder Todestag aufzuweisen hat und musikgeschichtlich zu Buche schlägt. Wobei man in dem Kulturkreis, dem sie entstammt, nie so geschmäcklerisch war, die Musen nach ihrer geistigen Tauchtiefe zu sortieren, sondern nach Art und Maß ihres Kunstgeschicks. Weshalb sie keine Hemmungen hat, einen k.u.k. Militärkapellmeister und Ohrwurm-Melodisten wie Emil von Reznicek zusammen mit dem Wiener Schönberg-Jünger, Zahlenmystiker und Klang-Symbolisten Alban Berg in die Silvestertüte zu stopfen. Oder den mönchischen Esten Arvo Pärt mit dem Wiener Ironiker Kurt Schwertsik, der seine Hörer gern auf rutschiges Tanzparkett lockt.

Die Charakter-Gegensätze prallten also unvermittelt aufeinander. Härter, schien mir, als an den Jahresenden zuvor - ob der Willkür der Jubiläumszahlen geschuldet oder den Unbilden der Krisen-Gegenwart. Dass die Dirigentin eines der schroffsten Stücke des frühen 20. Jahrhunderts, den "Marsch" aus Alban Bergs Orchesterstücken op. 6, in ihr Kontrastprogramm aufnahm, zeugt von Mut und List. Mut, weil sie die Katastrophen-Thematik des Satzes nicht scheute, worin sich die Erstickungsangst des asthmatischen Komponisten ebenso spiegelt wie die Furie des Ersten Weltkriegs. Und List, weil sie mit Bergs "Marsch" - wie auch mit dem "Intermezzo III" aus der Symphonie "Washington Mosaics" des Finnen Aulis Sallinen - zugleich dem größten Musik-Jubilar des Jahres 2010 huldigte: Gustav Mahler. Wie das? Weil Berg seinen expressionistischen "Marsch" in Einzelzügen dem tragischen Finale aus Mahlers Sechster nachbildete, man denke nur an die alles zermalmenden Hammerschläge.

Und weil Sallinen im besagten Intermezzo mit dem berühmten Adagietto aus Mahlers Fünfter liebäugelt. Bekannter als "unendliche Melodie" aus Viscontis unsterblichem Filmwerk "Tod in Venedig". Die Philharmoniker folgten der musikalischen Achterbahnfahrt, die sogar einige Pensionäre wieder heimholte, mit Lust und Laune. Wobei sie nicht versäumten, ihrem zweifachen Intendanten Rolf Liebermann zum "Hundertsten" zu salutieren: mit der Ouvertüre zu dessen früher Oper "Leonore 40/45" über eine deutsch-französische Liebe in widriger Zeit. Fast sommernachts-traumhaft klang danach die Ouvertüre seines Altersgenossen Samuel Barber zu dessen Oper "Die Lästerschule".