Pressestimmen
08.Juni.2009 - Hamburger Abendblatt
Vom Originalen zum Originellen
Vier Komponisten mit vier Variationen über Themen von sechs Komponisten? Klingt wie verzählt, geht aber, denn Reger verarbeitete als Zeichen der Bewunderung eine Anleihe von Mozart, Brahms eine von Haydn.

Theoretisch ergäbe diese Zusammenstellung eine Unmenge stilistischer Kombinationen, die Generalmusikdirektorin Simone Young im letzten Abo-Konzert dieser Spielzeit aufs Programm setzte. Praktisch bewies sie vor allem, dass die individuelle Handschrift auch dann klar durchklingt, wenn das Motiv gut gewählt ist und die jeweils gewählte Technik stimmt.

Der mit Abstand Jüngste der vier in der Laeiszhalle Gespielten, der Hamburger Komponist Jörn Arnecke, war derjenige, bei dem sich die Variationskunst vor allem im Klangfarben-Bereich abspielte. Seine "Kristallisationen" für Klarinette, Fagott und Orchester (nach zwei Kammeropern für die hiesige Bühne eine Auftragsarbeit der Philharmoniker) hinterfragten und erkundeten die Möglichkeiten, die sich auftun, wenn man Timbres und Reibungen aufeinandertreffen lässt, ohne dabei auf frontalen Konfrontationskurs mit den Hörerwartungen oder schlimmstenfalls -befürchtungen zu gehen.

Die beiden orchestereigenen Solisten Rupert Wachter und Christian Kunert waren an der Entstehung dieser weitgehend dezent gehaltenen Kolorationsstudie aktiv beteiligt gewesen, ihr Bühnen-Engagement stabilisierte das Interesse im gesamten Klangkörper, der Arneckes fein verästelte Abstufungen prägnant durchschimmern ließ. Selbst der Mittelteil, in dem Arnecke seinen Solisten etabliert unklassische Spieltechniken (Mehrtönigkeit, Klappen-Klappern) vorschrieb, blieb der Eindruck, hier geht es nicht um bloße Show-Effekte aus der gängigen Neutöner-Rappelkiste, sondern um notwendige Mittel, die Struktur und Spannung ergeben. Ein Stück, das Avantgarde-Konzepte nicht mit Aktionismus überfrachtet und das mit jedem Wiederhören an Reiz gewinnen dürfte.

Von Dvoraks "Sinfonischen Variationen" ließ sich das bei dieser Gelegenheit nicht so ganz behaupten, denn Young und ihrem Orchester ging, warum auch immer, eher stiefmütterlich und spröde damit um. Ungleich größer war die hörbare Sympathie für Regers "Mozart-Variationen", die zuckerwattig opulent aufgebauscht wurden, bevor das Konzert mit einer sicher gestandenen Version der Brahmsschen "Haydn-Variationen" endete. Wäre ja auch noch schöner, wenn ausgerechnet der Hausheilige Probleme größeren Ausmaßes bereiten würde.