Pressestimmen
05.Januar.2009 - Die Welt
Wildes musikalisches Zirkustreiben ohne Tanzbär
Mit sinfonischen "Salut!"-Schüssen heißen die Philharmoniker die Jubilare des Jahres 2009 willkommen

Zum vierten Mal begrüßte Simone Young ein neues Jahr mit einem prall gefüllten Überraschungspaket der Hamburger Philharmoniker: reichlich Pulver für einen dutzendfachen Salut zu Ehren mehr oder minder bekannter Komponisten, deren Lebensdaten sich demnächst runden. Im wehenden, floral verzierten Dirigierhemd schwang die Generalmusikdirektorin nicht nur Körper und Taktstock, den sie bei Haydns galantem Sinfonie-Erstling historisch korrekt aus der Hand legte. Wie bei den Silvesterkonzerten zuvor überbrückte sie zudem die Umbaupausen mit launigen Aperçus zu ihrem schillernden Programmgebinde.

Die Initialzündung besorgten die Komödianten aus der Oper "Die verkaufte Braut" von Smetana, dessen Todestag sich heuer zum 125. Mal jährt: ein wildes Zirkustreiben, bei dem nur der Tanzbär fehlte, den das Tierschutzgesetz inzwischen verbot. Passend zum slawischen Tanzgetümmel zogen die Philharmoniker gleich danach ein originelles Fundstück aus dem Silvesterhut: den zweiten Satz einer erst kürzlich aufgetauchten Sinfonie, die der wolgadeutsche Komponist Alfred Schnittke - 1934 in Engels geboren, 1998 in Hamburg seinen Schlaganfallsleiden erlegen - gegen Ende seiner Moskauer Studienzeit schrieb.

Die raschen Rahmenteile ähneln den Jahrmarks-Szenen aus "Petruschka", während die unendliche Melodie des Mittelteils Erinnerungen an die epischen Gesänge der Russen weckt.

Strawinsky und sein Lehrer Rimsky-Korsakow grüßen von fern, vieles klingt nach Schostakowitsch. Auf derartige Bemerkungen soll der selbstbewusste Studiosus geantwortet haben: "Meine Sinfonie klingt nach mir." Vergleichslos ist jedenfalls die Kombination der Vorzeichen in der Partitur, wie die Dirigentin ihr Publikum wissen ließ: ein B und ein Kreuz. Signatur planvoller tonaler Unentschiedenheit? Jugendstreich gegen die ästhetischen Maßregeln der KPdSU?

Im stürmisch erklatschten Zugaben-Teil kamen die Philharmoniker, bevor sie sich aufs schräge Terrain des Musicals wagten, noch einmal auf Schnittke zurück, der während seiner letzten Leidensjahre in Hamburg lebte, arbeitete und lehrte: mit dem zweiten Satz aus der "Gogol-Suite", die der Dirigent Gennadi Roschdestwenski 1980 aus der Bühnenmusik zum Schauspiel "Die Revisionsliste" zusammenstellte. Der Witz des Stücks besteht in Anspielungen auf Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag. Womit die Philharmoniker den Bezug zum Haydn-Jahr 2009 bekräftigten.

Noch ein Fundstück der jüngsten Zeit präsentierte Simone Young ihren glücklichen Konzertgästen: die einleitende Sinfonia aus Händels Oratorium "Acis und Galatea", in romantische Klangfarben getaucht von Felix Mendelssohn Bartholdy - 2005 in einem Londoner Musikantiquariat entdeckt und im Mai 2008 bei den Göttinger Händel-Festspielen uraufgeführt. Mendelssohn als bearbeitender Wiederentdecker der Bachschen Matthäus-Passion: beliebte Prüfungsfrage im Fach Musikgeschichte. Nun darf man bezüglich Händels nachhaken.

Das eigentliche Ereignis des Konzerts indes schuf der erblindete Kölner Komponist York Höller. Mit der Bulgakow-Oper "Der Meister und Margarita" gelang ihm 1990 der internationale Durchbruch. 2005 beglückte er seine Geburtsstadt Leverkusen mit einem "Feuerwerk" für Kammerorchester, das er später orchestrierte und seinem Zyklus "Sphären" eingliederte - wie geschaffen für den philharmonischen Neujahrs-Salut.

Vielleicht muss man das Trauma erlöschender Sehkraft erlitten haben, um ein Klang-Gelichter zu imaginieren, das in Bildschärfe, Farbintensität und Bewegungsenergie alle diesbezüglichen Vorleistungen übertrifft: von Händels "Feuermusik" und der Geburt des Lichts in Haydns "Schöpfung" bis zu Ligetis "Apparitions" und Karlheinz Stockhausens Wochentags-Apotheosen aus "Licht". Das müssen auch die Philharmoniker empfunden haben, die es hier nicht beim beherzten Al fresco beließen, sondern den anwesenden Komponisten mit gebotener Feinarbeit beglückten.

In der Ehrengalerie der Jubilare salutierten außerdem: der Opernkomponist Franz Schreker mit einem Festwalzer zum Wiener Kaiserjubiläum, der Spanier Isaac Albéniz mit einem Porträt der Provinz Navarra, der Schotte James Macmillan mit gestampften Anspielungen auf Tschaikowsky und Mozart, der Engländer Harrison Birtwistle mit drei Intermezzi aus der Oper "Der Minotaurus" und der Mähre Bohuslav Martinu mit einer Suite aus der Funkoper "Komödie auf der Brücke".

Nicht zu vergessen der Brasilianer Heitor Villa-Lobos, dessen "Karussell über die sieben Töne" der Solofagottist Christian Kunert so geschmeidig und behende in Fahrt setzte, dass Dirigentin und Publikum nur so hinschmolzen. Mit Rossinis Ouvertüre zu "Wilhelm Tell" verwies Simone Young schließlich auf den 250. Geburtstag des Weimarer Klassikers, der als großer Stofflieferant die Operngeschichte ziert: Friedrich Schiller. Es ging auf 14 Uhr, als die letzten Klassik-Gourmets selig summend der Musikhalle entströmten.

Lutz Lesle